Aus „sis“ wird Chips

Auf einem Tisch steht ein Kommunikationsgerät TD Navio. Auf dem Bildschirm ist eine Wortliste zum Thema „Essen & Trinken“ mit zahlreichen Symbolen und Begriffen geöffnet. Rechts daneben liegt eine ausgedruckte Symbolübersicht mit Lebensmitteln.

„Hunger“, sagte meine Tochter heute Morgen am Frühstückstisch.

Ich fragte sie, was sie essen möchte. Ihre Antwort war kurz: „sis“. Ich verstand sie nicht. Also fragte ich nochmals nach. Sie wiederholte das Wort. Wieder verstand ich es nicht. Wir versuchten es mehrere Male, doch ich kam nicht darauf, was sie mir sagen wollte. Dann schaute sie mich an und sagte: „Warte.“ Ganz ruhig begann sie, auf ihrem Kommunikationsgerät nach dem richtigen Wort zu suchen. Sie wusste, dass sie einen anderen Weg hatte, um sich mitzuteilen. Nach kurzer Zeit fand sie das passende Wort und das Gerät sprach es aus: „Chips.“

In diesem Moment musste ich lächeln. Es war 9 Uhr morgens, und Chips gehören wohl nicht zu den Frühstücksvorschlägen, die Eltern normalerweise gerne hören. Doch darum ging es gar nicht. Viel wichtiger war etwas anderes: Meine Tochter hatte einen Wunsch. Sie hatte gemerkt, dass ich sie nicht verstand. Sie hatte eine Strategie gewählt, um das Missverständnis zu klären. Und sie hatte ihr Ziel erreicht. Für viele Menschen wirkt eine solche Situation unscheinbar. Für Familien, die Unterstützte Kommunikation nutzen, sind solche Momente oft von grosser Bedeutung. Sie zeigen, dass Kommunikation wächst, auch wenn Fortschritte lange Zeit kaum sichtbar sind.

Als Mutter eines nonverbalen Kindes habe ich gelernt, dass Kommunikation weit mehr ist als gesprochene Sprache. Kommunikation steckt in Blicken, Gesten, Lauten, Symbolen und Handlungen. Sie zeigt sich oft dort, wo andere Menschen sie zunächst gar nicht erwarten. Gleichzeitig kenne ich die Zweifel, die viele Eltern, Fachpersonen und Begleitpersonen erleben. Man modelliert. Man zeigt auf Symbole. Man begleitet Alltagssituationen. Man wiederholt Wörter und gibt Kommunikationsangebote. Tag für Tag. Woche für Woche. Manchmal entsteht dabei das Gefühl, dass wenig zurückkommt.

Doch Kommunikation entwickelt sich häufig im Verborgenen. Kinder beobachten, speichern Erfahrungen und bauen Fähigkeiten auf, lange bevor diese nach aussen sichtbar werden. Der Moment mit den Chips hat mich wieder daran erinnert. Hinter diesem einen Wort standen unzählige Situationen, in denen wir modelliert, gewartet, begleitet und vertraut haben. Hinter diesem Wort standen viele kleine Schritte, die zusammen einen grossen Unterschied gemacht haben.

Deshalb möchte ich allen Eltern, Fachpersonen und Menschen, die Kinder mit Unterstützter Kommunikation begleiten, etwas mitgeben: Bleibt dran. Auch dann, wenn Fortschritte auf sich warten lassen. Gebt Raum für eigene Lösungen. Vertraut darauf, dass eure Unterstützung wirkt.

Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Alltagssituationen, die zeigen, was möglich geworden ist. Dann wird aus einem unverständlichen „sis“ plötzlich ein klares „Chips“. Und aus einem kleinen Moment wird ein Meilenstein.

Sandra Jauch
Dipl. Physiotherapeutin und Mutter