Sprachentwicklung

Logopädie bei Kindern im Vorschulalter

Etwa 90 % aller Kinder beginnen im Alter zwischen eineinhalb bis zweieinhalb Jahren zu sprechen. Erste einzelne Wörter äussern die meisten Kinder schon im Alter von 12-18 Monaten, bspw. 'Mama’, 'Papa’, 'Auto’, 'Ball’, sowie vereinfachte Formen von Namen von Geschwistern, Grosseltern. Zu den ersten sprachlichen Äusserungen gehören auch Wörter wie 'wauwau’, 'tictac’, 'mämäm’, sogenannte Lautmalereien. Diese ersten Wörter sind noch ganz an die Situation gebunden, sie sind wie Etiketten, die zu den Personen und Dingen gehören, welche sie bezeichnen.

In dieser Phase haben die Eltern den Eindruck, dass ihr Kind auch schon ganz viel versteht. Das Verstehen geschieht jedoch noch ganz aus der Situation heraus. Losgelöst von den Dingen, die sie bezeichnen haben die Wörter noch keine Bedeutung. Sie sind einfach ein Teil des Klangteppichs, von dem das Kind umgeben ist. Sagt man zu einem 12-18-monatigen Kind, das mit dem Ball am Spielen ist: 'gib mir den Ball!’, dann wird es mich in der Regel anschauen, zum Ball schauen und mir den Ball zurollen. Wenn kein Ball da ist, wird es einen andern Gegenstand geben, der in seiner Nähe ist.

In der ersten Hälfte des zweiten Lebensjahres entdecken Kinder, dass die Menschen immer gleiche oder ähnliche Wörter zu den Dingen und Situationen sagen; bspw. sprechen sie von 'Hund’ beim kleinen Kläffer, der im Park laut bellend herumspringt, ebenso zu dem grossen Fellhaufen, der beim Bauernhof dösend in der Sonne liegt, aber auch zum gezeichneten Vierbeiner im Bilderbuch usw. Ab 18-24 Monaten beginnen sie die Wörter nun allmählich losgelöst von der Situation, in der sie geäussert werden, zu verstehen. Das bedeutet, dass das kleine Kind beim Hören des Wortes 'Ball’ ein inneres Bild aufbaut. Mit diesem Bild im Kopf wird es nach dem Gegenstand suchen, der dazu passt.

Mit Sprache etwas bewirken

Die Sprache entdecken bedeutet nicht nur Wörter auszusprechen, um damit Dinge zu bezeichnen. Bereits im zweiten Lebensjahr entdecken kleine Kinder die besondere Bedeutung der Sprache, die darin liegt, dass wir Wörter und Sätze gebrauchen können, um beim Andern etwas zu bewirken: 'Oggi!’ (Schoggi) – auf eine solche Äusserung wird die Mama vielleicht sagen: 'Nein, es gibt jetzt keine Schokolade!’ oder: 'ingge!’ (trinke) - > 'Wo ist denn deine Flasche? Schau, hier kriegst was zu trinken!’ usw.
Mit dieser Entdeckung im Bereich der Kommunikation geht es im dritten Lebensjahr in der Sprachentwicklung rasant vorwärts. Bald werden in der Sprachproduktion zwei und mehr Wörter in kleinen Sätzen aneinandergehängt. Im Sprachverständnis kann ein zweieinhalbjähriges Kind bereits mehrteilige Aufforderungen verstehen, bspw.: 'gib den Schoppen der Puppe, die im Bett ist!’.

Ein kleines Gespräch führen, erzählen und zuhören

Im Alter von drei bis vier Jahren beherrschen kleine Kinder bereits die wichtigsten Prinzipien der Grammatik ihrer Muttersprache. Sie machen es ganz ohne gezielte Unterweisung und zwar bald schon viel besser, als wir es im Erwachsenenalter beim Erlernen einer Fremdsprache nach vielen Stunden Unterricht können. Sie können Fragen formulieren (warum?), interessieren sich für die Antworten, die sie erhalten (weil,...), können Nebensätze bilden und lernen täglich eine Vielzahl neuer Wörter. Wenn sie von ihren Erlebnissen berichten, werden sie auch von Aussenstehenden verstanden.
Im Sprachverständnis können sie aufgrund von Wörtern und Sätzen verlässliche innere Bilder aufbauen. Sie interessieren sich für Geschichten und verstehen einfache auch schon ohne bildliche Unterstützung.
In diesem Alter ist es normal, wenn schwierige Sprachlaute wie bspw. SCH und R noch ausgelassen oder durch andere ersetzt werden, im Wortschatz die Wörter z.T. noch nicht richtig verwendet werden (Tiger statt Löwe) und die Sätze noch nicht immer korrekt sind. Es kann auch vorkommen, dass es beim Erzählen zu ungewollten Unterbrechungen, z.B. zu Wiederholungen von Wörtern oder Silben oder zu Blockaden im Redefluss kommt.

Wann ist eine logopädische Abklärung angezeigt?

Eine Abklärung ist dann angezeigt, wenn ein Kind im Alter von zwei bis drei Jahren nur einzelne Wörter oder im Alter von drei bis vier Jahren in schwer verständlicher Weise spricht, wenn es stark stottert und/oder wenn es sprachliche Äusserungen nur unvollständig versteht.
Eine Sprachabklärung bei kleinen Kindern ist in der Regel als Spielsituation gestaltet. Bei Kindern die noch gar nicht sprechen, kann beim gemeinsamen Spiel beobachtet werden, wie das Kind mit den Personen und den Dingen umgeht, d.h. wie es Kontakt aufnimmt, seine Gefühle und Absichten ausdrückt und auf die Sprache anderer reagiert, wie es die Spielsachen manipuliert und welche Bedeutung es seinem Tun gibt.
Die Beobachtungen während der Abklärung werden im Gespräch mit den Eltern überprüft und ergänzt. Auf dieser Basis wird das weitere Vorgehen besprochen. Es kann die Aufnahme einer Therapie vereinbart werden, eine Beratung oder eine Kontrolluntersuchung.

Was kann in einer frühen Sprach-Therapie gemacht werden?

Kleine Kinder, deren Sprachentwicklung verzögert ist, können meistens auch noch nicht spielen. In der frühen Sprachtherapie ist der Ausgangspunkt deshalb das Spiel, dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend. Das Ziel besteht darin, gemeinsam mit dem Kind Lernformen zu entwickeln, mit denen es in seiner täglichen Interaktion mit der Personen- und der Dingwelt selbständig fehlende Erfahrungen nachholen und neue Fähigkeiten aufbauen kann.

Wer führt Therapien durch und wie finde ich eine entsprechende Fachperson?

Alle diplomierten Logopäd(inn)en sind berechtigt, Sprachabklärungen und Therapien von kleinen Kindern durchzuführen. Wenden Sie sich an Ihren Kinderarzt/ärztin, diese haben in der Regel Namen und Adressen von Fachpersonen, mit denen sie zusammenarbeiten. Sie können auch bei der Schulbehörde nachfragen, welche Logopäd(inn)en in Ihrer Gemeinde tätig sind, oder beim kantonalen logopädischen Berufsverband (siehe Services->Links).

Wie wird eine frühe Sprachtherapie finanziert?
Für die Kostenübernahme von Therapien im Alter von 0-20 Jahren ist der Wohnkanton zuständig. Erkundigen Sie sich beim Kinder- oder Hausarzt, beim Heilpädagogischen Dienst (Ambulatorium) oder bei der Bildungsdirektion.

Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Ein Kind kann in ganz verschiedenen Bereichen (und aus den unterschiedlichsten Gründen) sprachlich auffällig wirken. Im Folgenden werden häufig auftretende Symptome exemplarisch dargestellt.

Kommunikationsverhalten
Das Kind vermeidet das Sprechen, obwohl es sprechen könnte. Es weicht dem Blickkontakt aus. Ein anderes spricht pausenlos, lässt kaum jemanden zu Wort kommen oder spricht dauernd dazwischen.

Sprachverständnis
Das Kind versteht Sprache nicht altersgemäss, obwohl sein Hörvermögen intakt ist. Es fragt nach, als höre es nicht richtig («hä? was?»). Es kann Aufträge nicht ausführen, die mit der gegenwärtigen Situation nicht direkt zusammenhängen. Ohne entsprechende Gestik versteht das Kind Anweisungen nicht. Beim Zuhören von Geschichten wird es unruhig, zappelig, lenkt ab. Das Kind beantwortet Fragen meist mit «jaja», auch wenn dies keinen Sinn ergibt.

Wortschatz
Das Kind kennt gebräuchliche Begriffe nicht oder umschreibt diese nach Form und Funktion («ganz chli» für Zwerg, «zum trinke» für Glas). Das Kind verwendet Passepartout-Wörter wie «das Dings» etc.

Wortfindung
Das Kind kann ihm bekannte Wörter nicht abrufen. Es gebraucht ähnliche Wörter (inhaltlich: «Zitrone» statt «Orange», lautlich: «Schiff» für «Fisch»). Es behilft sich mit Umschreibungen, wodurch die Sätze länger und komplizierter werden.

Satzbau
Das Kind verdreht oder verkürzt die Sätze und gebraucht falsche Wortendungen («I geschter gschwümmet bi»; «D’Lüt sind furtgsprunge, wo isch de Vulkan usbroche»).

Aussprache
Das Kind kann gewisse Laute nicht bilden. Es spricht undeutlich, verschluckt Endungen und bewegt seine Sprechwerkzeuge schwerfällig. Es zeigt evtl. eine schlaffe Mundmuskulatur und atmet durch den Mund. Das Kind wirkt schwer verständlich, weil es Laute ersetzt oder auslässt und komplexe Lautverbindungen vereinfacht («dumpe» statt «gumpe»).

Redefluss
Das Kind spricht überstürzt, verschluckt Wörter und Endungen (Poltern). Es wiederholt Laute, Silben, Wörter, Satzteile und/oder verkrampft sich, sodass Atmung und Sprechen blockiert werden (Stottern).

Stimme, Atmung
Das Kind hat dauernd eine heisere, verhauchte, gepresste, zu hohe, zu tiefe, zu laute, zu leise Stimme, spricht durch die Nase oder wie mit einer verstopften Nase. Während des Stimmbruchs können Probleme bei der Stimmfindung auftreten.

Lesen und Schreiben
Das Kind hat eine noch ungenügende Einsicht in die Funktion und den Aufbau der Schriftsprache. Es hat möglicherweise einzelne Fertigkeiten trainiert (das Schreiben und Erkennen einzelner Buchstaben), versteht aber noch nicht, dass die Schriftsprache die Lautsprache repräsentiert. So orientiert sich das Kind beim Lesen beispielsweise an auffälligen Buchstaben und «erfindet» ähnliche Wörter. Es kann die einzelnen Laute nicht zu einem Wort zusammenschleifen. Das Kind ersetzt Wörter durch ähnliche (inhaltlich oder formal), gerät ins Stocken, vergisst Endungen, liest sehr langsam oder undeutlich. Es erfasst den Sinn des Gelesenen nur ungenau oder gar nicht. Das Kind kann die Laute den Buchstaben nicht zuordnen. Es beherrscht die Buchstabenformen nicht oder mangelhaft. Es verdreht Buchstaben im Wort, lässt Buchstaben aus oder ersetzt diese. Das Kind hat Mühe, Buchstaben zu speichern. Es kann grammatikalische Regeln nicht anwenden.
Lese- und Schreibstörungen werden teilweise noch «Legasthenie» genannt.

Rechnen
Das Kind kann keinen Alltagsbezug zu Daten herstellen (Hausnummer). Es verdreht Zahlen (Einer/Zehner/Hunderter) und wechselt plötzlich die Zählrichtung (Körperschema, Seitigkeit). Das Kind kann serielle Folgen nicht aufzählen (Wochentage, Uhrzeiten). Es fällt ihm schwer, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden und Analogien herzustellen. Es hat Schwierigkeiten, räumliche Beziehungen herzustellen. Das Kind hat keine Vorstellung, wie kleine Alltagsprobleme (wieviel musst Du noch sparen, bis...) gelöst werden könnten. Es versteht den Aufbau des Zehnersystems nicht. Das Kind kann Textaufgaben den Sinn nicht entnehmen. Rechenstörungen werden auch «Dyskalkulie» genannt.

Begleitsymptome

Wahrnehmung (spüren, hören, sehen)
Das Kind nimmt Veränderungen in der Schule nicht wahr oder reagiert auffällig darauf. Es wirkt desorientiert und kann sich nicht merken, wo bestimmte Sachen zu finden sind. Es reagiert auffällig beim Berühren von Materialien (Sand, Lehm, Leim ) und im Umgang mit alltäglichen Gegenständen. Es kann einzelne Laute nicht aus Wörtern heraushören. Es kann auditiv nicht unterscheiden, ob ein Vokal lang oder kurz, betont oder unbetont ist. Ähnlich aussehende Buchstaben werden verwechselt.

Wahrnehmungsverarbeitung (denken)
Das Kind hat Mühe, zeitliche und räumliche Beziehungen zu erfassen, Ordnungen nach bestimmten Merkmalen zu erstellen, Abstraktionen vorzunehmen, Zusammenhänge zu erkennen und Schlüsse daraus zu ziehen. Das Kind ist stark ablenkbar, kann sich schlecht konzentrieren, hat eine verminderte Merkfähigkeit.

Sozial-emotionales Verhalten
Das Kind kann sich nicht in die Klassengemeinschaft einfügen. Es weint oft, hat eine geringe Frustrationstoleranz, reagiert mit Aggression, Provokation, Clownereien oder Rückzug. Es verhält sich Erwachsenen gegenüber distanzlos oder zeigt übermässige Angst vor Autoritätspersonen.

Bewegung
Die grob- und feinmotorischen Bewegungen des Kindes wirken ungelenk. Es verliert häufig das Gleichgewicht, hat Schwierigkeiten in der Bewegungskoordination und zeigt oft Mitbewegungen. Es lässt Dinge fallen, stösst gegen Wände und Kanten. Es verkrampft sich beim Schneiden, kann nicht auf der Linie schreiben, hat Mühe, die richtig erfassten Buchstabenformen wiederzugeben.

Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen bei Erwachsenen

Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen bei Erwachsenen treten häufig nach Hirnverletzungen (z.B. Hirnschlag, Schädelhirntrauma, Tumor, degenerative Erkrankungen) auf oder nach peripheren Operationen (bedingt durch Tumore). Daneben gibt es auch funktionale Stimmstörungen.
Im Folgenden werden die am häufigsten auftretenden Störungsbilder exemplarisch dargestellt.

Aphasie

Mit Aphasie wird eine zentrale Sprachstörung bezeichnet, die sich auf alle expressiven und rezeptiven Modalitäten erstreckt: Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen sind in unterschiedlichem Ausmasse beeinträchtigt. Siehe hierzu www.aphasie.org

Sprechapraxie
Eine Sprechapraxie entsteht infolge einer Hirnschädigung der sprachdominanten Hirnhälfte. Die Lautstruktur von Wörtern und Sätzen ist gestört; es werden Laute ausgelassen, hinzugefügt und in falscher Reihenfolge geäussert. Häufig sind ausgeprägte Suchbewegungen von Lippen und Zunge zu beobachten. Die Sprechmuskulatur und die Stimme sind nicht beeinträchtigt, sondern es scheint die Planung der Bewegungsmuster gestört zu sein. Eine Sprechapraxie kann isoliert vorkommen, tritt jedoch meist in Verbindung mit einer Aphasie auf.

Alexie

Eine reine Alexie zeichnet sich dadurch aus, dass Betroffene nur noch buchstabierend lesen können. Das ganzheitliche Erkennen von Wörtern gelingt besser, wenn den Patienten der Inhalt des zu Lesenden bekannt ist. Der visuelle Zugriff auf das Wissen um Buchstaben und ihre Kombinationen (graphematisches Wissen) ist gestört, wobei das graphematische Wissen selbst ungestört ist.

Agraphie

Beim Vorliegen einer reinen Agraphie ist es den Betroffenen nicht mehr möglich spontan oder nach Diktat zu schreiben, obwohl sie lesen, sprechen und verstehen können.

Dysarthrophonie
Bei einer Sprechstörung (Dysarthrie) können Laute, Wörter und Sätze nicht mehr deutlich und verständlich ausgesprochen werden. Patienten mit einer Dysarthrophonie haben keine Störung in der Sprache wie es die Aphasiker haben. Bei ihnen ist die Sprechmotorik auf Grund einer Erkrankung (z.B. Parkinson) oder einer Verletzung betroffen. Da infolge einer Dysarthrie meistens auch die Atmung und die Stimmbildung beeinträchtigt sind, spricht man von Dysarthrophonie. Die Stimme kann heiser, gepresst, schwach, verhaucht, nasal klingen. Gegenüber der Sprechapraxie sind die Artikulationsstörungen der Dysarthriker konstant.

Stimmstörung
Stimmstörungen drücken sich durch unterschiedliche Grade von Heiserkeit aus. Nach dreiwöchiger Dauer sollte ein Arzt konsultiert werden. Stimmstörungen sind selten organisch (neurologisch, genetisch, hormonell) bedingt. Sie können gelegentlich durch Verletzungen oder Erkrankungen der Stimmgebungsorgane entstehen, sind jedoch meist funktionell bedingt (Dysfunktion von Haltung, Tonus, Atmung und Stimme) und stehen oft in Zusammenhang mit dem emotionalen Erleben des Betroffenen. Ein operativer Eingriff ist deshalb selten notwenig, vielmehr ist zur möglichen Stimmmverbesserung eine Stimmtherapie mit Gesprächen und Körperübungen oder einer Psychotherapie angebracht.

Dysphagie
Schluckstörungen (Dysphagien) erschweren oder verhindern die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme und schränken zudem häufig das Sozialleben z.B. das Miteinanderessen beträchtlich ein. Schluckstörungen können durch zentrale Läsionen wie z.B. Hirnschlag, Schädelhirntrauma, Mulitple Sklerose, usw. verursacht werden oder durch Operationen und Bestrahlung von Tumoren im Hals- oder Mundbereich. Auch psychische Faktoren können zu einer Schluckproblematik führen.